IG Metall Salzgitter-Peine
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25.01.2022, 00:01 Uhr

Gesundheit, Pflege und Ausbildung aufwerten

IG Metall Jugend präsentiert das letzte Intensivbett Deutschlands in Salzgitter

  • 08.12.2021
  • Aktuelles

Salzgitter - Gemeinsam mit Beschäftigten aus den Bereichen Gesundheit und Pflege präsentierte die IG Metall Jugend auf mehreren Kundgebungen in Salzgitter demonstrativ »das letzte Intensivbett Deutschlands«.

„Wir wollen mit der Aktion auf die Versäumnisse im Ge-sundheitsbereich hinweisen und fordern bessere Arbeits-und Ausbildungsbedingungen im Gesundheits- und Pflegesystem“, erklärt Jan Laging von der IG Metall Salzgitter-Peine. Be-kräftigt wurde die Nikolausaktion der jungen Metallerinnen und Metaller durch den Betriebsratsvorsitzenden des Helios Klinikums Salzgitter, Holger Danke, und durch Pflege-kräfte, wie Lars Tietjen von der AWO, die ebenfalls vor Ort auf die eigene Situation aufmerk-sam machten. Passanten schlossen sich der Demonstration der Jugendlichen an und verfolgten die Aktion vom BraWo Carree über den Rathausvorplatz bis zum Helios Klinikum.

„Die Corona-Krise zeigt uns schonungslos auf, wie schlecht es um unser Gesundheitssystem und die Kranken- und Pflegeberufe steht“, erklärt Lars Tietjen, Pfleger von der AWO. „Die Zahl der Corona-Infektionen steigt gerade rasant an. In Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen war die Arbeitsbelastung bereits vor Corona oft unerträglich, die zusätzliche Belastung durch die Covid-Patient*innen hat viele Pflegekräfte völlig erschöpft. Bereits vor der Pandemie war klar, dass Pflegerinnen und Pfleger an vielen Kran-kenhäusern und Pflegeeinrichtungen in Deutschland fehlen. Und diese Situation wird nicht besser: Gerade in den Krankenhäusern soll in den kommenden zehn Jahren nur jede zweite pensionsbedingt freie Stelle wiederbesetzt werden können. Der Fachkräftemangel führt bereits jetzt zu unbelegten Betten. Darüber hinaus ist die Fluktuation unter jungen Pflegekräften im Krankenhaus als auch in Alten- und Pflegeheimen hoch. Hauptursache ist und bleibt die Arbeitsverdichtung. Dem Pflegenotstand kann Deutschland nur durch eine Verbesserung von Arbeitsbedingungen entgehen.“

Mehr Auszubildende und Arbeitsbelastungen reduzieren

„Wir haben uns über die Ausbildungssituation der Pflegekräfte informiert“, sagt Ozan Inci von der Jugendvertretung Volkswagen. „Bei einer durchschnittlichen Ausbildungszeit von drei Jahren ist zukünftig eine zwei- bis dreimal so große Zahl von examinierten Pflegekräf-ten im Alter von 20 bis 30 Jahren im Vergleich zu den heutigen Ausbildungszahlen notwen-dig, um der demografischen Entwicklung die notwendige breite Basis zu verschaffen. Zur Aufrechterhaltung einer zukünftigen Versorgung im Gesundheitssystem muss gerade die Zahl der examinierten Pflegekräfte in der Dekade der 20- bis 30-Jährigen besonders hoch sein, da über die folgenden Jahre mit einer nicht unerheblichen Fluktuation aus diesem Beruf zu rechnen ist.“

Und Laurin Wüste von der Jugendvertretung der Salzgitter Flachstahl macht deutlich: „Ganz offensichtlich verlieren die deutschen Krankenhäuser ihre Zukunft bereits sehr früh nach der Ausbildung der Pflegekräfte. Eine der wesentlichen Ursachen der Fluktuation aus dem Beruf ist, wie Untersuchungen aus der Intensivpflege zeigen, die ausgeprägte Unzufrieden-heit der Pflegenden durch eine immer höhere Arbeitsbelastung bei zu geringer Entlohnung und fehlender Perspektive. Die vom Bundesgesundheitsministerium eingeführten Personaluntergrenzen haben in der Intensivmedizin dabei die Situation eher verschlechtert als verbessert, da Untergrenzen in vielen Krankenhäusern aufgrund des bestehenden Perso-nalmangels ad hoc zur Sollausstattung geworden sind.“

Privatisierung und Profitmaximierung entgegenwirken

„Für uns ist klar, dass wir uns gegen die weitere Privatisierung und Profitmaximierung in deutschen Krankenhäusern aussprechen“, meint Henrik Torbecke, Auszubildender bei BOSCH Salzgitter. „Die erhebliche Verschlechterung der Arbeitsbedingungen hat ihre Ursache in dem zunehmenden ökonomischen Druck, unter dem die Krankenhäuser stehen. Zur Refinanzierung der Krankenhäuser oder gar, um Gewinne aus einem solidarfinanzierten Krankenhaussystem zu erzielen, muss von Jahr zu Jahr mehr Geld erwirtschaftet werden. Das hat die Arbeitsbelastung in nicht mehr tolerierbare Regionen getrieben.“

Die Folge ist, laut Torbecke: „Die Fluktuation insbesondere aus arbeitsintensiven Bereichen wie der Intensiv- und Notfallmedizin ist besonders hoch und der Arbeitsmarkt ist gänzlich leer. Bereits jetzt können insbesondere in diesem sensiblen Bereich der Medizin nicht mehr die Betten betrieben werden, die noch vor Jahren sukzessive aufgebaut worden sind.“

Lohnerhöhung und Krankenhausplanung erforderlich

„Wir pflegen tagtäglich schwerkranke Menschen und sind mit einer technikgetriebenen Pflege konfrontiert, die einfach die Menschlichkeit hinter sich gelassen hat“, sagt Holger Danke, Betriebsratsvorsitzender im Helios Klinikum Salzgitter. „Während sich die Aktionäre der Helios-Krankenhäuser von Fresenius, das Geld in die Tasche stecken, bieten sie uns mit 1,4 Prozent Lohnerhöhung ab 2022 für 2 Jahre und einer einmaligen Corona-Prämie von 400 Euro nicht mehr als Almosen an. Im Kern müsste es aber darum gehen, die Ausbildung attraktiver zu gestalten und den Auszubildenden auch eine Zukunft zu garantieren. Dazu braucht es eine massive Lohnerhöhung für den gesamten Sektor der Pflege.

Darüber hinaus gibt es viele Möglichkeiten, das deutsche Krankenhauswesen besser zu machen“, erläutert der Betriebsrat. „Dazu bedarf es einer sinnvollen Krankenhausplanung und damit zusammenhängend einer ehrlichen Diskussion in der Gesellschaft über den Wert von Krankenhausschließungen oder -zusammenlegungen – bevor es zu einer weiteren Einschränkung der Patientenversorgung in systemrelevanten Kliniken kommt.

Corona-Bonus und Tarifverträge für bessere Arbeits- und Lohnbedingungen

Die zukünftige Ampel-Koalition hat angekündigt, eine Milliarde Euro für einen Bonus für die Pflegebeschäftigten bereit zu stellen. Ver.di-Sekretär Bruno Gerkens stellt aber fest: „Viele Pflegekräfte in den Krankenhäusern sind angesichts des Hickhacks um die Corona-Prämie inzwischen total frustriert. Und Klatschen reicht einfach nicht aus, um morgen die eigene Miete zahlen zu können. Die Kolleginnen und Kollegen in den Krankenhäusern müssen endlich mehr Anerkennung und bessere Arbeitsbedingungen erhalten!“

Um bessere Arbeits- und Lohnbedingungen zu erzielen, setzt sich ver.di als zuständige Ge-werkschaft für eine flächendeckende Bezahlung nach Tarif ein. Ein weiteres Problem sind die vielen Einrichtungen ohne Tarifbindung. „Bei Helios ist die Situation besonders schwierig. Der Konzern macht Millionen-Gewinne trotz Pandemie und schüttet Dividenden an die Aktionäre aus. Die Beschäftigten erwarten zurecht deutliche Verbesserungen und bereiten sich auf schwierige Tarifverhandlungen im neuen Jahr vor. Der Weg aus der Krise des Ge-sundheitssystems ist klar: Gewerkschaftsmitglied werden, sich engagieren, Arbeitsbedingungen verbessern, dann wird der Pflegeberuf auch wieder attraktiv. Die letzten Jahre ha-ben gezeigt, nur die Beschäftigten selbst können es ändern," so Gerkens.


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