IG Metall Salzgitter-Peine
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21.09.2021, 08:09 Uhr

Debattenpapier

Mobiles Arbeiten (Homeoffice) - jenseits von Corona

  • 07.06.2021
  • Aktuelles

Die Corona-Pandemie wirkte wie ein Turbo für das Thema Mobiles Arbeiten. Millionen Beschäftigte arbeiten seitdem im Homeoffice, viele davon nahezu ununterbrochen. Mobile Arbeit wird voraussichtlich von einer "Ausnahmeerscheinung" (vor Corona) zu einem normalen Bestandteil der Arbeitsorganisation von sehr vielen Menschen werden. Das gibt Anlass, sich unsere bisherigen gewerkschaftlichen Leitlinien für die Gestaltung von Mobiler Arbeit/Homeoffice noch einmal anzuschauen und zu diskutieren.

Viele Geschäftsstellen und Betriebsräte haben in den letzten Monaten Umfragen zu den Erfahrungen und Wünschen der Beschäftigten durchgeführt – um Betriebsvereinbarungen abzuschließen oder vorhandene Betriebsvereinbarungen zu ergänzen oder zu überarbeiten. 

Diese Ergebnisse und Erfahrungen sollen in die Diskussion einfließen. Denn die letzten Monate produzieren viele neue Aspekte- und Konfliktfelder für die gewerkschaftliche Betriebs-, Tarif- und Gesellschaftspolitik, wie z.B. über die Kosten der Homeoffice-Arbeit, die Gestaltung betrieblicher Arbeitsorte bei hybriden Arbeitsformen, die Einhaltung von Ergonomie-, Arbeitszeit- und Arbeitsleistungsstandards. Diese Themen werden für viele Beschäftigte genauso wichtig wie klassische Entgelt- und Arbeitsschutzhemen. Für Gewerkschaften und Betriebsräte müssen virtuelle Zugangs-, Beteiligungs- und Abstimmungsrechte durch den Gesetzgeber sichergestellt werden, die eine uneingeschränkte Wahrnehmung aller Mitbestimmungs-, Beratungs- und Informationsrechte auch in der virtuellen Welt gewährleisten. Betriebsräte müssen bei der Einführung und Ausgestaltung von mobiler Arbeit im Betrieb ein erzwingbares Mitbestimmungsrecht erhalten. 

Die IG Metall wird auf Grundlage des Debattenpapiers und den dazugehörigen Anlagen die Diskussion zum Thema Homeoffice vor Ort auf Geschäftsführerkonferenzen etc. fortführen und in einer weiteren Vorstandsitzung erneut aufrufen. So sollen alle Erfahrungen und Bedarfe der Organisation Raum und Berücksichtigung finden.

Hohe Zufriedenheit im Homeoffice

Homeoffice Im Ganzen zeigt sich: Die grundsätzliche Zufriedenheit der Beschäftigten im Homeoffice ist hoch. 75 Prozent der Befragten kommen mit der Arbeit im Homeoffice "gut bis sehr gut" zurecht. Am häufigsten kommt dabei die Gruppe der 26 bis 35-Jährigen mit dem Arbeiten im Homeoffice "sehr gut zurecht"; 82 Prozent geben dies an. Rund ein Viertel der Befragten kommt nur "mittelmäßig" bis "gar nicht" mit der Arbeit im Homeoffice zurecht. Das zeigt: Bei der Gestaltung von mobiler Arbeit ist erheblicher Regelungsbedarf vorhanden.

Die Befragung zeigt auch: In den vergangenen Monaten wurde das Arbeiten im Homeoffice für mehr und mehr Kolleginnen und Kollegen Realität. Während vor Corona 51 Prozent der Befragten von daheim gearbeitet haben, und das meist lediglich ein Tag, so sind es während der Pandemie 93 Prozent der befragten Beschäftigten; 62 Prozent von diesen arbeiteten pandemiebedingt die gesamte Zeit über von zu Hause. Gezeigt hat sich zudem: Je höher der Bildungsabschluss, desto mehr Tage werden mobil gearbeitet. Befragte mit Hochschulabschluss etwa arbeiten zu 98 Prozent mobil, während Befragte mit Realschulabschluss zu 80 Prozent und Befragte mit Hauptschulabschluss lediglich zu 64 Prozent mobil arbeiten. 

Neun Prozent wollen nicht mobil arbeiten

Bei den Befragten, die während der Corona-Pandemie nicht mobil arbeiten, zeigen sich verschiedenste Gründe: Am Häufigsten wird angegeben, dass die ausgeübte Tätigkeit Anwesenheit im Betrieb verlangt (54 Prozent aller Angaben). Elf Prozent der Beschäftigten, die nicht mobil arbeiten, geben an, dass der Arbeitgeber oder Vorgesetzte nicht möchte, dass mobil gearbeitet wird. Neun Prozent der nicht im Homeoffice arbeitenden Kolleginnen und Kollegen sagt: "Ich möchte nicht mobil arbeiten."

Von den Befragten, die im Homeofice arbeiten, hat mehr als die Hälfte (nämlich 60 Prozent) ein eigenes Arbeitszimmer. Dort ist ungestörtes Arbeiten prinzipiell möglich – und das gehört zu den meist genannten Vorteilen der Arbeit im Homeoffice.

Zeitersparnis durch weniger Pendeln

Als größter Vorteil, den die Arbeit im Homeoffice hat, wird von den befragten Beschäftigten die Zeitersparnis identifiziert, die durch weniger Pendeln entsteht. Zugleich wird durch die Zeitersparnis auch eine bessere Vereinbarkeit möglich. Dementsprechend wird der "Wegfall von Pendelzeiten" am Häufigsten als positiver Effekt genannt. Es folgen die Faktoren "bessere Vereinbarkeit" und "ungestörtes Arbeiten" sowie danach die Aussagen, dass mobiles Arbeiten klimafreundlich ist und, dass die Arbeit im Homeoffice selbst eingeteilt werden kann.

Fehlende soziale Kontakte

Auf der anderen Seite werden fehlende soziale Kontakte als größtes Problem beim mobilen Arbeiten angegeben. 79 Prozent aller Befragten gaben dies als negativen Effekt an. 37 Prozent aller Befragten kritisieren höhere Kosten durch das mobile Arbeiten. 29 Prozent halten ihre Arbeitsgeräte auf Dauer für unzureichend. 22 Prozent geben an, im Homeoffice insgesamt länger zu arbeiten.

Bedingt durch die Corona-Pandemie, das lässt sich als erstes Fazit festhalten, hat mobiles Arbeiten in den vergangenen Monaten enorm an Bedeutung gewonnen. Die Befragungsergebnisse zeigen: Mobiles Arbeiten ermöglicht vielen Befragten ein ungestörteres Arbeiten, es fördert die Vereinbarkeit. Die Beschäftigtenbefragung der IG Metall im Jahr 2020 hat gezeigt: Die Mehrheit der Beschäftigten, 73 bis 90 Prozent, wünschen sich regelmäßig zu Hause arbeiten zu können.

Herausforderung für die Gewerkschaftsarbeit

Die aktuellen Befragungsergebnisse zeigen aber auch negative Effekte, die das Arbeiten im Homeoffice für die Beschäftigten haben kann: Vor allem das Wegbrechen sozialer Kontakte ist hier zu nennen. Dazu gibt es teilweise erhebliches Regelungspotential bezüglich Ausstattung, Finanzierung, Arbeitszeit sowie den Arbeitsschutz. Nicht zu vergessen: Vermehrtes mobiles Arbeiten wird auch zu einer Herausforderung für die Gewerkschaftsarbeit. Es stellt sich die Frage, wie es gelingt, die Demokratie im Betrieb zu stärken, die Kommunikation zu verbessern und die Interessensvertretung wahrzunehmen, wenn die Belegschaft mobil arbeitet. Das ist kein leichtes Unterfangen – aber elementar wichtig. Die IG Metall fordert deshalb ein digitales Zugangsrecht für Betriebsrat und Gewerkschaft, etwa über Mail, Messenger, Intranet und Co.

Chancen und Risiken, Voraussetzungen und Bedingungen, Erfahrungen und Erwartungen des mobilen Arbeitens im Homeoffice werden in der IG Metall breit diskutiert. Fünf Leitfragen stehen dabei im Mittelpunkt. Diskutiert werden soll die Frage, mit welchem Ziel sich die IG Metall aktiv in die Gestaltungsfragen mobiler Arbeit einmischen soll. Verständigen wollen wir uns darüber, wie wir gutes mobiles Arbeiten regeln und wer von der räumlichen Flexibilität profitiert. Dazu werden wir der Frage nachgehen, welche Auswirkungen die Arbeit im Homeoffice auf die gewerkschaftliche Mobilisierung und Betriebsratshandeln, aber auch auf die Vereinbarkeit von Beruf und Familie hat.


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